Musik-Highlights im November
Rekorde, Stimmgewalt und ganz viel Liebe: unsere CD-Highlights im November.Wie sagte der Kaiser so schön? „Ja, is’ denn heut’ scho’ Weihnachten?“ Nein, liebe Kinder, Musikhörerinnen und Musikhörer, bis Weihnachten ist es noch mindestens zehn X-Mas-Alben und fünf Deluxe-Editionen bereits veröffentlichter Alben hin. Und trotzdem dürfen Fans einiger legendärer Musikerinnen und Musiker schon jetzt ganz besonders frohlocken. Denn nicht nur Schlagerkönigin Andrea Berg legt ihren Fans etwas auf den Gabentisch, auch Ikonen wie Yello, Bryan Adams oder Queen biegen mit neuem oder zumindest bislang unveröffentlichtem Material um die Ecke. Fontaines D.C. haben gar einen späten Kandidaten fürs Album des Jahres im Sack. Kurz: Heut’ schon, Kinder, wird’s was geben! Und zwar ordentlich was auf die Ohren. In diesem Sinne: eine besinnliche Vorweihnachtszeit!
Ist das schon Teil der großen Rückbesinnung Kanadas auf sich selbst im Zeichen der Annektierungsgelüste des großen Nachbarn? Jedenfalls klang Bryan Adams noch nie so wenig amerikanisch, dafür so kanadisch wie hier. Eine Rückbesinnung auf seine Roots quasi, die er nicht nur als berittene und irgendwie traurig wirkende One-Man-Band mit dem Titel zum Ausdruck bringt, sondern auch musikalisch. Denn so viel erdige Country- und Folk-Elemente hat Adams bislang noch nie bedient. Wobei das ja erstens keine völlige Abkehr vom Rock bedeutet und ihm zweitens durchaus gut zu Gesicht steht. Auch inhaltlich sind die neuen Songs von Orten, Personen und Gefühlen seiner Heimat bestimmt. Ein Heimatalbum im besten Sinne also. Und ein ganz kleines bisschen sicher auch ein Signal dafür, dass man den großen Bruder nebenan nicht unbedingt nötig hat.
Gut möglich, dass Andrea Berg einst selbst gesetzte Rekorde mit der Wiederveröffentlichung ihres legendären „Best of“-Albums von 2001 noch einmal pulverisiert. Achtfach-Platin gab es für die Sammlung ihrer – von heute aus gesehen ja frühen – Hits, dazu 2013 einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für die am längsten in den deutschen und österreichischen Charts platzierten Alben. Ein Rekord, den man zum Motto für die Wiederveröffentlichung erhebt: „Das kann uns keiner nehmen“. Richtig. Aber ein bisschen erweitern könnte man ihn. Nicht nur mit den ursprünglichen Songs in neuem und modernerem Gewand, sondern auch noch mit einer zweiten CD, die all das versammelt, was in den vergangenen Jahren an Hits noch dazugekommen ist. Und wenn die neuen Verkaufszahlen auf die alten addiert werden – was im Falle einer erweiterten Re-Edition geschieht –, dann ist Andrea Berg nun wirklich auf dem besten Weg zum Ewigkeitsrekord.
Nachdem Anastacia vor rund drei Jahren mit all der gebotenen Stimmgewalt „Our Songs“ veredelt hat, widmet sie sich jetzt wieder ihren eigenen. Allerdings gibt es auch diesmal nichts wirklich Neues zu hören, dafür ihre größten eigenen Hits. Und von denen gibt es ja auch den ein oder anderen. Allerdings mit einem gewaltigen (und auch so klingenden) Unterschied zu früher: Denn für „Symphonic Revolution“ ließ sich die Sängerin von einem 60-köpfigen Symphonieorchester begleiten – was neue Arrangements und eine ganz neue Herangehensweise bedeutete. Geblieben ist diese unvergleichliche Stimme. Und Songmaterial, das immer funktioniert. Egal, ob im popmusikalischen oder wie hier im klassischen Format.
Wie sehr kann man sich eigentlich aus dem Schatten einer Musikerfamilie lösen, deren Namen untrennbar mit Engeln, Irish Folk, Schlager und dem Iron Man verbunden ist? Offenbar mehr, als zumindest wir es dem drittjüngsten Kelly-Spross zu Beginn seiner zweiten Solokarriere ab 2015 zugetraut hätten. Seither war er nicht nur in Erfolgsformaten wie „The Voice“ oder „Sing meinen Song“ zu Gast, er hat auch fünf weitere Soloalben veröffentlicht, mit denen er sich kontinuierlich höher an die Chartspitze schrauben konnte. Zuletzt mit „Traces“, das 2025 endlich den Gipfel erklomm. Auch die nachfolgende Europa-Tour war ein Superlativ für „Paddy“: Mehr als 200.000 Zuschauer in ganz Europa wollten mit ihm den Spuren folgen, die Menschen in ihrem Leben hinterlassen. Und das in spektakulären Versionen wie der „Symphony of Peace“ mit Star-Tenor Jonas Kaufmann, „Hope“ in einer einzigartigen A-cappella-Version, oder „Shallow“, bei dem ihn „The Voice Kids“-Gewinnerin Katelyn begleiten durfte. Ein kraftvolles Zeugnis dafür, dass Michael Patrick Kelly für die Konzertbühnen praktisch geboren wurde.
Nico Santos ist auch so einer, dessen Karriere durch sein wiederkehrendes „The Voice“-Engagement gefühlt in immer eindrucksvolleren Schritten voranschreitet. Das hat er nicht nur seiner Telegenität zu verdanken. Denn wie nicht nur seine Coach-Kollegen immer wieder feststellen müssen, gibt es fast nichts, was der musikalische Tausendsassa nicht kann. Was er kann, sind große Pophymnen für Radio und Stadion sowie mitreißender, souliger Power-Pop, dem er auf seinem „POV“ („Point of View“) gleich eine ganze Hälfte gewidmet hat: „Optimist“ ist wie das musikalische Gegenstück neun Tracks stark und gehört mit Nummern wie „Ray of Light“ oder „Body“ dem extrovertierten Nico Santos. „Personal“ ist ebenfalls neun Songs stark und der verinnerlichte Nico Santos: mit den bislang vielleicht persönlichsten Einblicken in sein Innerstes und von einer Intimität, die man dem Lebemann so gar nicht zugetraut hätte. Schön!
Was soll man zu Mike Rosenberg alias Passenger sagen, das nicht längst gesagt worden wäre im Verlauf der letzten rund 15 Jahre? Der 42-Jährige aus dem britischen Brighton mag noch nicht die weltweiten Stadien füllen wie sein Jugendfreund Ed Sheeran, aber das liegt vielleicht auch daran, dass er dem Indie-Folk seiner Anfangszeit genauso treu geblieben ist wie seine Fanbase ihm, seit er mit „Let Her Go“ 2012 einen weltweiten Überhit landen konnte. Zahlreiche Alben hat er seit dem zugehörigen „All The Little Lights“ aus demselben Jahr veröffentlicht, keine Nummer-eins-Hits, aber persönlich genug, um ihm zwischenzeitlich rund zwölf Millionen monatliche Hörer bei Spotify einzubringen. Mit „Wild Love“ beginnt für ihn eine potenziell ganz neue Phase. Denn das Album spiegelt seine ungewohnte neue Rolle als Ehemann und Vater wider. Seit Kurzem ist er mit seiner langjährigen Managerin Rebekah liiert, eine Vermischung von Beruflichem mit Privatem, die sich vor allem im Titeltrack widerspiegelt. Besonders schön: seine Coverversion des Taylor-Swift-Hits „Willow“, der die wachsende Beziehung der beiden begleitete.
Gewagte These: U2 veröffentlichen deshalb noch im November ein neues Album (mehr dazu im Dezember an dieser Stelle), damit ihnen die Kollegen von Fontaines D.C. nicht endgültig den Rang als derzeit bedeutendste irische Band ablaufen. Seit ihren eher wilden Post-Punk-Tagen vor rund zehn Jahren hat das Quintett um Grian Chatten eine erstaunliche Wandlung hin zur Stadionband vollzogen – und das, ohne ihren rebellischen Geist zu verraten oder musikalische Kompromisse einzugehen. Was nicht heißt, sie wären nicht eingängiger geworden. „Romance“ kannte als Album gefühlt ausschließlich Hits, „Starburster“ vom Vorgänger schallt einem als Untermalung der britischen Crime-Saga „MobLand“ Woche für Woche bei Paramount+ entgegen. Jetzt also endlich Album Nummer fünf, das als Untermalung der für 2027 anstehenden Stadiontournee und verantwortet von Star-Produzent James Ford eine noch kühlere und elektronischere Eleganz ausstrahlt. Und durchaus was von der (positiven) Reizüberflutung hat, auf das der Titel „Dopamine Chamber“ anspielt. Brillant!
Die Band ist Queen, der Mann auf dem Cover der (hier sogar gekrönte) King der Rockmusik: Freddie Mercury. „Budapest“ ist für Fans der britischen Bombast-Rocker eine echte Ausnahmeveröffentlichung. Schließlich markierte das Konzert im Juli 1986 nicht nur den ersten Auftritt einer so großen westlichen Band hinter dem Eisernen Vorhang, es war auch gleichzeitig der fünftletzte Auftritt von Queen mit ihrem später viel zu früh verstorbenen charismatischen Frontmann. Als solches handelt es sich hierbei um die letzte gefilmte Performance der Band in ihrer Urbesetzung, eine Performance, die nun nicht nur remastert als (4K-)Blu-Ray und DVD erscheint, sondern auch auf Doppel-CD beziehungsweise 3-fach-Vinyl. Darauf zu hören: eindrucksvolle Zeugnisse für das, was wir mit dem Tod von Freddie Mercury verloren haben. Zahlreiche Hits aus der hier „betourten“ „A Kind of Magic“-Ära genauso wie die unsterblichen Klassiker „We Will Rock You“, „We Are The Champions“, „Under Pressure“ oder „Bohemian Rhapsody“. Keine Frage: Für Queen-Fans ist Weihnachten schon am 6. November.
In Zeiten, in denen steinalte Rock-Dinosaurier Alben veröffentlichen und Stadien bespielen, wundern wir uns auch nicht mehr darüber, dass das Schweizer Elektronik-Pop-Duo Yello partout nicht älter werden will. Immerhin nähert sich Dieter Meier so langsam seinem 82., Kollege Boris Blank immerhin dem 75. Geburtstag. Seit Ende der 1970er sorgen sie kontinuierlich dafür, die Schweiz auch popmusikalisch international auf Kurs zu halten. Und ganz offensichtlich haben sie irgendwo in den Schweizer Bergen auch eine Art Wurmloch gefunden – vielleicht ja in CERN – und drumherum ihr „Time Lab“ eingerichtet, in dem sie uralte und nur beinahe benutzte Samples und Soundschnipsel aus der eigenen musikalischen Vergangenheit im Hier und Jetzt manifestieren – für die Hits von morgen. Zumindest klingt „Break Out“, als wäre es in legendären „The Race“-Zeiten entstanden, der Opener „Around The Sun“ auch nicht gerade nach Klangschalenexperimenten auf dem Seniorenteller. Kurz: Diese Zeitmaschine verjüngt merklich, nicht nur die Macher, sondern auch ihre Hörer.
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