Die besten Musikalben des Monats
Die Musik-Tipps4U für den Juli

Hymnen über Hymnen über Hymnen. Das kann nicht nur die Fußball-WM, das können auch die Musikerinnen und Musiker, mit denen wir uns vom durchaus manchmal durchschlagenden Katzenjammer dieser Fußballweltmeisterschaft erholen. Und zwar nicht nur im „Seven Nations Army“-Stil, sondern auch mit dem Gewicht vieler Karriere-Jahrzehnte im Rücken. Denn offensichtlich kann man jenseits der 80 zwar noch ohne weiteres Rockgitarre spielen, aber nicht mehr zwangsweise in der Nationalmannschaft auflaufen – oder, Sepp Maier? Wie dem auch sei: Nach dem WM-Hit ist vor dem nächsten Sommerhit. Und wir sind uns sicher, dass wir bald jede Menge davon nicht nur von jungem Gemüse wie Sienna Spiro vorgesetzt bekommen werden. Viel Spaß mit unserer Top-Auswahl für den Juli!

Unfassbar. Mehr fällt einem zu den Rolling Stones eigentlich nicht mehr ein. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben sie in perfekter Guerillamanier ihr neues Album eingeführt. Nummer 25 immerhin. Was nicht weiter der Rede wert wäre, wüsste man nicht, dass die Herren Mick, Keith und Ron schon jenseits der 80 oder zumindest kurz davor rangieren. Lärm und herausragenden Bluesrock können sie offenbar aber immer noch. „Foreign Tongues“ geht in Teilen noch auf die Aufnahmen zu den „Hackney Diamonds“ zurück und featurt damit zumindest einmal den wunderbaren Charlie Watts, Gott hab ihn selig. Darüber hinaus kommen dafür ein paar andere prominente Namen zum Einsatz: Red-Hot-Chili-Pepper-Drummer Chad Smith etwa, The-Cure-Sänger Robert Smith oder – schon wieder – Paul McCartney, der längst nicht mehr Konkurrent ist. Bleibt nur eines zu hoffen: dass der Stones-Zirkus auch noch mal auf deutschen Bühnen rollen darf.

In schönster „Alter vor Schönheit“-Manier folgen auf den Seniorenzirkus der Rolling Stones die Landsmänner und Altersgenossen von Deep Purple, die ja auch noch immer live über unsere Bühnen tingeln, mit weitaus härterem Rock, als wir das von den Stones gewohnt sind. „SPLAT!“ heißt der neue Wurf der britischen Hardrocker. Und die Idee dahinter ist bei aller Apokalyptik eigentlich ganz schön. Das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, wird hier als Metamorphose zu etwas Neuem begriffen. Was irgendwie ganz gut zur New-Age-Zeit passt, der Deep Purple ja auch entspringen. Was sie aber nicht davor zurückschrecken lässt, mit etwa „Arrogant Boy“ weiter so nach vorn zu preschen, als würde es kein Morgen geben. Auch hier gilt: Wiedersehen (und Live-Hören) macht Freude!

Irgendwie müssen wir auch die Amigos in eine Reihe mit Stones und Deep Purple stellen. Und sei es nur wegen der Resilienz und des Alters der beiden Ulrich-Brüder Bernd und Karl-Heinz, denen es wie Mick Jagger seit gut 20 Jahren gelingt, immer irgendwie gleich auszusehen. Im Falle der Amigos geht man sogar noch weiter: Hier klingt man seit 20 Jahren in etwa gleich. Was aber auch den Reiz des volkstümlichen Schlagers ausmacht, mit dem die Ulrichs seit Jahrzehnten die Chartspitzen erklimmen. Mittlerweile bevorzugt kurz vor dem musikalischen Sommerloch, da man den VÖ-Termin für die Chartgarantie im Januar seit einigen Jahren an Bernds Tochter Daniela Alfinito abgetreten hat. 14 neue Songs liefert man wieder ab, plus Hitmix und zwei Bonustitel. Und wer gedacht hat, nach „Atlantis wird leben“ gehe es mit „Cleopatra“ weiter in geschichtliche Mythenwelten, der sieht sich getäuscht. Mexiko, Las Vegas, der Himmel und die Liebe sind immer noch die Themen, die am besten zur Flucht aus dem Alltag einladen.

Nach dem Alter kommt langsam die Schönheit. Und tatsächlich sind die Nürnberger Folkrocker ja nicht zuletzt wegen ihres Aussehens zu echten Aushängeschildern volksmusikalisch angehauchter Rockmusik geworden. Seit rund zehn Jahren arbeiten sie sich am Musketier-Mythos und an der Mantel-und-Degen-Ikonografie ab. Und auch „Helden X Hymnen“ bildet da keine Ausnahme. Wobei man zum zehnten Jubiläum für das siebte Album neue Wege geht, orientiert an den Hymnen, die ihre Helden ihnen vorgesungen haben. Will sagen: Hier feiern Ben Metzner und Co. die Musiker, die ihren eigenen Werdegang geprägt haben. Mit Coverversionen von Céline Dion und Fleetwood Mac über Phil Collins bis hin zu Ozzy Osbourne werden zahlreiche Klassiker der Folkrock-Behandlung Marke dArtagnan unterzogen. Hinzu kommen einige brandneue Songs- und Unplugged-Versionen, was für Fans der Mantel-und-Degen-Rocker ein echter Grund zum Feiern sein dürfte.

Gracie Abrams

Na, ob das Papa J. J. (Schöpfer von Kultserien wie „Alias – Die Agentin“ und Regisseur diverser „Star Trek“-, Star Wars“- und „Mission: Impossible“-Filme) gefällt, wenn sich Töchterchen Gracie als „Daughter from Hell“ bezeichnet? Wir wissen es nicht und tippen mal eher auf Stolz. Schließlich hat sie es im Verlauf von erst zwei Alben nicht nur zur zweifachen Grammy-Nominierung, sondern auch zu einem American Music Award gebracht. Und Partner Paul Mescal ist sicher auch nicht die schlechteste Partie. Für das sehnsüchtig erwartete Nachfolgealbum zu „The Secret of Us“ kann sie sich ebenfalls auf zuverlässige Partner verlassen. Denn wie zuvor schon Kollegin Taylor Swift erhielt sie musikalische Unterstützung von Ausnahmemusikern wie Justin Vernon (Bon Iver) und Aaron Dessner (The National), die „Daughter from Hell“ über jeden kommerziellen Anspruch hinaus auch zum anspruchsvollen Popalbum adeln.

Der oft gezogene Vergleich mit Landsfrau Adele greift ein wenig kurz. Denn in der musikalischen DNA von Sienna Spiro steckt mindestens genauso viel von Amy Winehouse oder Lana Del Rey. Spätestens seit sie mit drei Singles gleichzeitig mehr als nur ein „Visitor“ in den Billboard 100 war, gilt sie als eine der großen neuen Hoffnungen der Popmusik. Vorschusslorbeeren, die sie nun mit ihrem ersten Album „Visitor“ einlösen darf. Mit insgesamt 15 Songs, darunter auch ihr „Der Teufel trägt Prada 2“-Beitrag „Material Lover“, die scheinbar mühelos zwischen Northern Soul, Motown, Jazz und Pop mäandern und einmal mehr unterstreichen, welch gutes Pflaster das Königreich und die Academy East London Arts & Music für Sängerinnen ganz außergewöhnlicher Kaliber ist. Mit erst 20 Jahren ist Sienna Spiro auf dem besten Weg, Amy und Adele zu beerben. Und wir können stolz behaupten, dabei gewesen zu sein …

Das könnte Sie auch interessieren: